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Krakau - eine atmosphärische und geschichtliche Einführung

von Marek Frysztacki

"Ich habe nie vermutet, daß östlich der Elbe solche Städte existieren können", sagte mir mal Peter, mein Freund aus Stuttgart, als wir in einem Café auf dem krakauer Marktplatz saßen. In diesem Satz spürte ich ein Art von Erstaunen, aber auch eine gewisse Ratlosigkeit einer neuen Erfahrung gegenüber, die sein bisheriges, stereotypes Bild von Polen veränderte. Seit diesem Besuch, der noch in der Zeit des dekadenten Kommunismus stattfand, hat sich in Polen viel verändert, auch der Ton am Cafétisch. Wenn ich vor kurzem mit Ute, einer Journalistin aus Mainz, nachts um zwei Uhr nach einem Jazzkonzert in einem der vielen noch zu dieser Zeit geöffneten Lokale saß, sagte sie mir plötzlich: "Wenn jemand noch Zweifel hat, ob Polen Europa ist, soll er hier nach Krakau kommen". In der Zeit von Peters Besuch konnte Krakau nur ein Beweis einer gemeinsamen, geistigen Wurzeln sein. Für Peter verschob sich Europa, als kultureller Begriff um ein paar hundert Kilometer nach Osten. Die Aussage von Ute betrifft schon eine gemeinsame Zukunft. Verursacht wurde ihr Erstaunen durch das gegenwärtige Kolorit der Stadt, die nicht in der Geschichte verschlossen bleibt, sondern sich der Welt geöffnet hat. Neue Trends werden mit der eigenen Tradition verknüpft. Ute war begeistert von dem europäischen Chic der Stadt, mit ihren zahlreichen Cafés, den eleganten Frauen, der lockeren, ein bißchen südländischen Lebensart ihrer Einwohner.

Es war immer so, daß Krakau blühte, wenn die Grenzen geöffnet waren. Im Mittelalter verdankte die Stadt ihre Entwicklung ihrer Lage an der Kreuzung von Handelswegen von Südeuropa nach Norden bis an die Ostsee und von Westen nach Osten bis nach Kiew. Der hauptstädtische Charakter Krakaus begünstigte die Entwicklung. Über fünf Jahrhunderte hindurch war Krakau die polnische Hauptstadt, auch in der Periode der dynamischen Entwicklung des Landes, welche im 16. Jh. mit dem großmächtigen Polnisch - litauischen Staat kulminierte. Aus dieser Zeit stammen die prächtigsten Sehenswürdigkeiten. Damals wurden das königliche Schloss und viele Bürgerhäuser im Renaissancestil umgebaut. Sie gestalten den italienischen Charakter der Stadt. Zu derselben Zeit war Krakau gleichzeitig das Zentrum des geistigen Lebens Polens. Die Jagiellonen Universität, gut zwanzig Jahre älter als die Universität von Heidelberg, war über zwei Jahrhunderte auch die einzige Hochschule im polnischen Staat. In Krakau studierten zahlreiche Studenten aus Mittel- und Osteuropa. Hier studierte Kopernicus, aber auch der Alchemist Faustus. Bei Hof entwickelte sich das intellektuelle Leben in enger Verbindung mit den Strömungen der Epoche.

Nach der Übertragung des Hauptstadtstatuses an Warschau (1596) teilte Krakau das Schicksal der anderen polnischen Städte. Sie verloren ihren Stand und ihre Handelsprivilegien zu Gunsten der Adeligen. Die zahlreichen Kriege ab der zweiten Hälfte des 17. Jh. ruinierten die Stadt. Im 16. Jh lebten hier 18.000 Einwohner, am Ende des 17. Jh. nur 6000.

Der Niedergang war so gewältig, daß letzendlich sogar das Rathaus abgerissen werden mußte, so daß bis heute auf dem Marktplatz nur der Turm von ihnen geblieben ist.

Nach dem Wiener Kongress (1815) bekam Krakau den Status einer Freistadt zugesprochen, welcher bis zu dem mißglückten Aufstand gegen die Habsburger Monarchie andauerte. 1846 wurde Krakau als Teil von Gallizien dem Kaiserreich angegliedert. In den 30 Jahren als Freistadt blühte der Schwarzhandel auf, und die konspirative Bewegung gegen die Teilungsmächte wuchs an. Zu der Zeit siedelten aristokratische Familien aus anderen Teilen des Landes nach Krakau über, wodurch sich das gesellschaftliche Leben sehr veränderte. Die Vermischung aristokratischer Manieren mit flapsigen Gepflogenheiten hatten oft einen komischen Effekt zur Folge. Im Laufe des 19. Jh. kam Krakau langsam wieder auf die Beine. Die Stadt modernisierte sich und ab den achziger Jahren des 19.Jahrhunderts strebte sie wieder ihre Rolle als geistige Hauptstadt des nicht existierendes Polens an. Künstler, Schriftsteller und Publizisten zogen hierher, angelockt durch die kulturelle Autonomie des Österreich - Ungarischen Staates. Die habsburgische Zeit hat genauso wie die Renaissance das Gesicht der Stadt geprägt. Um die Altstadt herum entstanden die großen, bürgerlichen Häuser im eklektischen Stil, sowie öffentliche Anlagen, Theater und selbstverständlich viele neue Behörden. Die Krakauer haben bis heute eine Vorliebe für die Habsburger. Die Porträts des guten, alten Keiser Franz Joseph hängen weiter noch an vielen Wänden. Das manifestiert sich auch in einem Café- Lebenstil, den Kutschen und den hartnäckig wieder gelb gestrichenen Häusern. Ein Erbe der Habsburger sind auch, unverdaulich für Polen aus anderen Teilen des Landes, die hierarchischen und übertrieben höflichen gesellschaftlichen Formen. "Ich falle zu Füßchen und küsse die Händchen" - so begrüßt ein Gentleman eine Dame in Krakau. Und wirklich küsst er Ihre Hand. "Herr Magister" ist genauso am Platz wie "Herr Professor", und auf den eigenen Platz unter den Eliten muß man lange im Vorzimmer warten. Besonders übertrieben höfliche oder geizige Typen nennt man in Polen - Krakauer. Nicht ohne Bedeutung sind auch hier die Einflüsse der deutschen Kultur. Krakau war nach dem Magdeburger Recht angelegt, gehörte zur Hanse, und die Ansiedlung Deutscher war im Mittelalter besonders stark. Sie haben die Gotik nach Krakau mitgebracht. Der Stolz von Krakau, der große Altar in der Marienbasilika, wurde von Veit Stoß, einem Künstler aus Nürnberg geschnitzt. Und noch im 16. Jh. predigte die Priester in der Kirche auf Deutsch. Die deutsche Bevölkerung war jedoch nicht immer loyal. Im Jahre 1312 kamen nach einem Aufstand gegen polnischem Fürst viele ums Leben. Eine Chance zum Überleben hatten nur die Deutschen, die zumindest teilweise polonisiert waren. Also diejenigen, die ein paar einfache Worte aussprechen konnten: "soczewica, koło, miele, młyn" (Linse, Kreis, mahlt, Mühle). Richtig polonisierten sich die Krakauer Deutschen erst im Laufe des 16. Jh. Die polnische Kultur hatte damals eine große Anziehungskraft. Ein deutsches Trauma entstand erst viel später, nach den Teilungen Polens, die Preußen und Rußland initiiert hatten. Dieses fand seinen Höhepunkt im Zweiten Weltkrieg, der schrecklichsten Zeit in der tausendjährigen Geschichte des Landes.

Krakau fiel in der Zeit der Okkupation eine besondere Rolle zu. In der offiziellen Nomenklatur der Deutschen wurde die Stadt in der Regel als "alte, deutsche Stadt" bezeichnet und sollte als Beweis für die Kultur des Deutschtums in Osteuropa dienen. Krakau wurde zum Hauptquartier des Generalgouvernements, dem von Deutschland besetzten Gebiet in Polen. Auf dem königlichen Wawelschloß residierte der General Gouverneur Dr. Hans Frank, und die Häuser der Altstadt wurden von den Familien der Beamten bezogen, die gekommen waren, um die deutsche Herrschaft in Polen zu festigen. Fast fünf Jahre lang wütete in der Stadt der Nazi-Terror, indem er sich gnadenlos gegen die als "Untermenschen" behandelten polnischen Bürger richtete. In Krakau zeigt sich das "deutsche Trauma" vor allen Dingen in dem, was die polnische Überlegenheit gegenüber der Gefahr aus Deutschland symbolisiert, wie zum Beispiel im Grunwalddenkmal, welches zum 500-jährigen Jubiläum der siegreichen Schlacht der Polen gegen den deutschen Kreuzritterorden 1410 bei Tannenberg errichtet worden ist. Dieses Denkmal ist heute der Ort rechtsradikaler Kundgebungen. "Die preußische Ehrerbietung", ein Bild des polnischen Malers Jan Matejko, welches im ersten Stock der Tuchhallen hängt, kennt jeder polnische Schüler. Man erkennt auf dem Bild, wie Prinz Albrecht von Hohenzollern die Oberherrschaft der polnischen Könige über Preußen anerkennt. Dies geschah im Jahre 1525 in Krakau. Eine Gedenktafel, die in den Boden des Marktplatzes eingemauert ist, erninnert noch heute an dieses Ereignis.

In der Stadt lebten auch zahlreiche orthodoxe und armenische Gemeinden, sowie Juden, die ihre erste Gemeinde in Krakau schon Anfang des 14. Jh. hatten. Die Juden fanden in Polen sehr günstige Voraussetzungen für ihre Ansiedlung und die Entwicklung ihrer eigenen Kultur. Die beste Zeit des Polnischen Staates war auch die beste Zeit für die jüdische Bevölkerung des Landes. Im 16. Jh. war Kazimierz, eine auf der anderen Seite der Weichsel gelegene Stadt, eines der wichtigsten kulturellen und religiösen Zentren des Judentums in Mittel- und Osteuropa. Vor dem Zweiten Weltkrieg lebten in Krakau ca. 65.000 Juden, was 25% der Stadtbevölkerung ausmachte. Nach dem Holocaust kamen 6000 Juden wieder. Heute zählt die Gemeinde 140 Mitglieder und nur die leeren Gebäude der ehemaligen Synagogen erinnern an die damalige Größe. Es ist nicht viel geblieben von der multinationalen Tradition der Stadt. Eine deutliche Wehmut nach der verlorenen Zeit mündet heute in den vielen Iniatitiven, die das damalige Kolorit beleben sollen. Das Festival der jüdischen Kultur ist eine von den größten Veranstaltungen dieser Art in Europa. Die St.- Wlodimir Stiftung kümmert sich darum, die kulturellen Beziehungen zur Ukraine zu erneuern. Die zahlreichen Veranstaltungen werden zusammen mit dem Krakauer Goethe-Institut organisiert. Es kommt jedoch auch vor, daß die Krakauer sich gegen die fremden kulturellen Einflüsse wehren, wenn diese, ihrer Meinung nach, nicht an das Niveau heranreichen. Während Jazz - ein Produkt der amerikanischen Kultur - seit der Zwischenkriegszeit in Krakau bekannt und beliebt ist, hören die Proteste gegen die Einrichtung eines McDonald`s- Restaurant am Marktplatz nicht auf. "Man läßt nicht den Pöbel in den Salon" argumentieren die Gegner. Andererseits müßte man dann Hunderte von Jugendlichen vom Marktplatz vertreiben, die aussehen, als seien sie aus amerikanischen Comics ausgeschnitten. Die Tugend ist längst verloren. Die Krakauer mögen die Kämpfe um die Symbole. Diese Symbole haben schließlich aus Krakau die "heilige" Stadt der Polen gemacht. Wie die Moslems nach Mekka, so sollte jeder Pole mindestens ein Mal im Leben nach Krakau pilgern. Auf jeden Fall besucht der Pilger den Wawel, den Sitz der polnischen Könige und die angrenzende Kathedrale. Die Größe des architektonischen Komplexes ist umgekehrt proportional zu seiner Bedeutung für das polnische Nationalbewusstsein. "Polnische Akropolis" nannte einer der nationalen Dichter, Stanisław Wyspiański, den Hügel. Im Inneren der Kathedrale spielt die Handlung eines seiner nationalen Dramen. Die Kathedrale, in der fast alle polnische Könige gekrönt und später begraben wurden, in der sich auf dem Hauptaltar die Reliquien von St. Stanislaus befinden, dem Schutzheiligen von Polen, in der die nationalen Dichter und Helden begraben sind, mit ihren zahlreichen Sarkophagen, Epithaphien, Gedenktafeln und mit der berühmten Glocke im Turm, ist eine Zusammenfassung der gesamten polnischen Geschichte. Seit der Zeit der Teilungen fungiert sie als nationales Heiligtum. Für 123 Jahre wurde am Ende des 18. Jh. Polen von der europäischen Landkarte ausgelöscht. Seitdem diente der Krakauer Dom als Symbol für viele Jahrhunderte andauernde Souveränität. Der Dom erinnerte an die beste Tradition: die kluge Regierung Kasimirs des Großen, die Macht der Jagiellonen - einer Dynastie, die zu Zeiten der polnisch - litauischen Union bis weit hinter den Dniepr reichte, die Macht, die noch am Ende des 17. Jh. in der Zeit König Jan III. Sobieski über den Sieg über die Türken bei Kalenberg entschied.

Das starke Selbstbewusstsein läßt den konservativen und klerikalen Krakauer erstaunlich tolerant gegenüber den Anschlägen auf die Tradition bleiben, die schon vielfach aus verschiedenen Seiten erfolglos unternommen wurden. Krakau blieb nachsichtig gegenüber den Spöttern des "Grünen Ballons", einem bekannten Kabarett vom Anfang des XX. Jahrhunderts, dem skandalträchtigen Przybyszewski und der provozierenden bürgerlichen Moral Boy - Zelenskis. In der Zwischenkriegszeit akzeptierten es die Futuristen und eine Gruppe avantgardischen Künstler der, sog. Krakauer Gruppe. Nach dem Krieg, in der Krempelepoche des Stalinismus, fand hier der erste Striptease statt, was heutzutage gerne als ein Wiederstandsakt interpretiert wird. In Krakau fand das weltberühmte Theater Cricot 2 von Tadeusz Kantor seinen Platz. Alle Kontestierenden geben letztendlich klein bei und sind schließlich zu einem Teil des Kolorits der Stadt geworden. In diesem Sinne ist Krakau keine Stadt in der die Revolution eine Chance hat: nicht nur die künstlerische, sondern auch die politische. Nach dem Referendum im Jahre 1946 war klar, daß die Krakauer keinen Gefallen an der politischen Umwandlung Polens fanden. Um sie dafür zu bestrafen, wurde in unmittelbarer Nähe von Krakau der Bau eines riesigen Stahlwerkkombinats (namens Lenin) und einer neuen vorbildlichen sozialistischen Stadt beschlossen. Die neue Arbeiterschaft sollte das Gegengewicht zu dem bürgerlichen Krakau bilden. Der Einfluss des Kombinates auf Krakau war in der Tat groß; die Abgase beschleunigten den Zerfall der historischen Substanz der Stadt . Aber mental blieben die beiden Teilen der Stadt einander fremd. Zu einer wirklichen Allianz zwischen dem intelektuellen Krakau und dem proletarischen Nowa Huta ( Neue Hütte) kam es in den achziger Jahren. Die Allianz richtete sich gegen die kommunistische Macht in Polen. So hat man sich wieder einmal auf Krakauerisch behauptet.

Um die Liste einiger bekannter Krakauer zu erweitern: Krakau war noch vor kurzem die einzige Stadt der Welt, in der gleichzeitig zwei Literaturnobelpreisträger wohnten: Czesław Miłosz (1980) und Wisława Szymborska (1996). Auch der weltbekannte Futurologe Stanisław Lem war hier zu Hause, einer der berühmtesten zeitgenössischen Komponisten - Krzysztof Penderecki und der Dramaturg Sławomir Mrożek. Mit Krakau verbunden waren die Filmegisseure: Andrzej Wajda und Roman Polański. Aber der sicherlich berühmteste Krakauer der Welt war Karol Wojtyła alias Johann Paul der II.

So laufen die Sachen in der Kult- und Kulturstadt Krakau. Nicht ohne eine gewisse Geringschätzung schauen die Krakauer von der Höhe des Wawels auf Warschau. Wenn in Krakau die Hauptstadt "Warschauchen" genannt wird, dann denkt man an verdächtige Karrieren und Gelder, Korruption und Intrigen. Aber vor allem an Mangel von Stil und Chic. Obwohl die Krakauer in der Tat geizig sind (Krakauer sind die Schotten, die wegen Geiz aus Schottland vertrieben wurden), spricht man hier seltener über Geld. Weiterhin verpflichtend sind hier die gesellschaftlichen Formen und etwas, was in der Vergangenheit als Anständigkeit bezeichnte wurde. Die Manieren sind öfters aristokratisch, die Moral kleinbürgerlich, als Kariere bezeichnet man eine Professur an der Uni, eine Anwaltskanzelei oder die Tatsache, daß jemand mit einem Bürgerhaus in der Altstadt heiratete. Die hochmutigen Krakauer sehen aber die eigene Lächerlichkeit eher nicht und mögen gerne über sich als das geistige Zentrum Polens sprechen. Ein warschauer Publizist kommentierte nicht ohne Ironie, aber auch nicht ohne Eifersucht, das kulturelle Leben von Krakau: "Sie existieren für sich selbst und amüsieren sich gut." In der Tat: man erwartet hier kaum etwas von der Hauptstadt. Die arroganten Krakauer kommentieren sarkastisch: "Naja, letztendlich ist Warschau von hier genauso weit wie Wien nah."

 

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